Counterstrike in Winnenden
Schon wieder ein Amoklauf, irgendwie kommen die jetzt jährlich rein so scheint es und reflexhaft forderten diverse „Experten“ gleich wieder ein Verbot von „Gewaltspielen“. Diesmal sogar bevor die Polizei die wenig überraschende Feststellung gemacht hat das der Junge überhaupt welche besaß. Erschossen wurden seine Opfer allerdings mit Kugeln. Ein Verbot legalisierten Schusswaffenbesitzes fordert interessanterweise keiner…
Noch unverantwortlicher kann ein Verantwortungsträger oder Sachverständiger sein Desinteresse an der Arbeit in der Sache eigentlich nicht signalisieren als mit der Forderung nach dem Verbot von „Killerspielen“. Es ist ja auch irgendwie menschlich verständlich, schließlich umgeht man mit dieser Forderung jegliche Konflikte mit organisierten Interessensgruppen wie zum Beispiel Sportschützen oder Jägern und ist auch nicht dazu genötigt sich mit genereller Gesellschaftskritik in den Wind zu stellen. Die Videospielindustrie anzugreifen ist leicht. Ärgern tut man damit nur Leute die man eh nicht ernstnimmt (junge Menschen), man kann sich sicher sein das die Regierung so eine umsatzträchtige Industrie eh nicht beschneidet – sowohl wegen den daran hängenden Arbeitsplätzen als auch wegen der völligen Sinnlosigkeit, denn wie sollte man so eine Ware denn ernsthaft kontrollieren wollen? Kein Gegenwind, keine Klagen, keine Arbeit. Glückwunsch Herr Experte.
Dabei ist die Rolle derartiger Spiele in solchen Fällen mittlerweile doch schon recht gut beleuchtet. Sogenannte „Killerspiele“ können bei entsprechend veranlagten Menschen u.U. dazu beitragen dass sie ihre Tat später stringenter umsetzen können (Tunnelblick). In dieser zuarbeitenden Funktion ähneln sie einer handwerklichen Ausbildung im Metzgerberuf, einigen Jahren Auslandseinsatz in der Bundeswehr oder jeglichen anderen derartigen Betätigungen.
Sie fungieren allerdings laut aktuellem Wissensstand weder als Tatmotiv noch als Tatwaffe. Obwohl man eigentlich meinen sollte dass das Hauptaugenmerk von mit dieser Thematik betrauten Menschen genau auf diesen essentiellen Aspekten eines Mordes liegen sollte. Es wäre auch absolut lächerlich zu vertreten das junge Menschen ihr Leben dafür geben um einmal eine Realitätsversion ihrer Computerspiele zu erleben. Trotzdem interessiert sich scheinbar niemand in offizieller Funktion bei solchen Ereignissen für diese Kernaspekte der Tat sondern tummelt sich lieber unbedarft auf Nebenkriegsschauplätzen.
Es ist eine unumstößliche Tatsache das ich zum erschiessen eines Menschen erst einmal eine Schusswaffe benötige, ungeachtet des Umstandes wie viele „Killerspiele“ ich zuhause in meinem Besitz habe. Die Schusswaffe mit ihrer Knopfdruck-Tod Funktion (kein Kampf, kein langes blutiges Ringen etc.) senkt die Hemmschwelle zu einem Mord weit mehr als es Millionen getöteter Pixelfiguren jemals könnten. Mir ist aus den letzten Jahren kein „Amoklauf“ ohne Schusswaffe bekannt. Übrigens, Morde funktionieren in der Theorie auch sehr gut ohne vorherigen Konsum von „Killerspielen“. Morde funktionieren allerdings eher selten mit geworfenen Videospielverpackungen.
Ein seriöserer Ansatz wäre es also den Zugang zu Schusswaffen zu erschweren, bestenfalls durch eine Kriminalisierung des Besitzes. Warum dies in der Debatte aber kaum auftaucht bleibt schleierhaft.
Der beste Ansatz zur Verhinderung solcher Taten bleibt natürlich die Prävention. Schließlich kann nie ausgeschlossen werden das ein williger Täter immer auf irgendeine Weise Zugang zu seinem Mordwerkzeug erhält.
Also müsste einmal analysiert werden was diese jungen Menschen eigentlich zu ihrer Tat verleitet. Müsste es das? Nein, muss es nicht denn auch solche Untersuchungen liegen längst vor. Die Täter sind überwiegend ein bestimmter introvertierter Menschenschlag welcher auf ihr gesellschaftliches Umfeld, insbesondere auf das der institutionalisierten Gesellschaft, im Extremfall auf diese Weise reagieren. Das gab es schon immer, nur das die jungen Leute früher lieber von Hochhäusern oder Brücken gesprungen sind, schwarze Kreuze oder blutende Herzen in ihre Schulhefte gemalt haben und so weiter und so fort. Aber scheinbar hat sich der Druck erhöht. Was für ein Wunder in einer Zeit in welcher durch Entwicklungen im ökonomischen System Menschen in einen stetig verschärften Wettbewerb gegeneinander getrieben werden. Es ist erwiesen das es kein Zufall ist das ausgerechnet Schulen immer wieder Ziel solcher Taten sind. Schulen sind der öffentlich zugängliche Teil des als repressiv empfundenen Systems und für diese jungen Menschen das Symbol für dieses System schlechthin. Sie sind der ideale Ort für Racheakte in Verbindung mit Suizid.
Auch die Hochhausspringer seinerzeit (80er, 90er Jahre) hatten oft die Nebenabsicht ihr Umfeld anzuklagen, es „denen“ einmal richtig zu zeigen. Vielleicht hat sich in der Jugend der Eindruck durchgesetzt das man auf diese Weise niemandem mehr „was zeigt“ weil es kaum einen mehr interessiert. Ich neige dazu dem zuzustimmen.
Jemand der in dieser Thematik konstruktiv arbeiten will müsste einmal benennen das wir es teilweise eben mit einem repressiven und selektiven Konkurrenzsystem zu tun haben in welchem gewonnene (echte und gefühlte) Enttäuschungserlebnisse bei manchen Menschen dazu führen können, den Wunsch zu Racheakten dieser Art zu entwickeln. Sowas sagt aber – keiner.
Es müsste auch ausgesagt werden wie fragwürdig eigentlich der Nutzen des offenen Zugangs von Tötungswerkzeugen für Privatleute ist. Sagt aber irgendwie auch keiner.
In einer Videobotschaft äußerte mal einer der Amokläufer der letzten Jahre sinngemäß: „Niemand soll mir vorschreiben was ich zu tun habe. Es ist mein Leben!“.
Gesellschaftseliten und Politik antworteten darauf mit der Forderung nach einem Verbot von „Killerspielen“.
Bei wem jetzt noch nicht der Groschen gefallen ist, dem ist nicht mehr zu helfen.


12. März 2009 um 15:10
Schlimm nur, dass nun wieder die “killerspiele” ins Zentrum der Diskussion kommen. Dabei hat das ja nichts damit zu tun. Hier beispielsweise ein Artikel einer Seite, die normalerweise NICHT für Shooter einsteht und dennoch Handlungsbedarf sieht:
http://www.kindgerechte-spiele.de/?p=30
“Der Weg vom Computerspieler zum Massenmörder ist doch bedeutend länger, als der Weg vom Waffenbesitzer zum Amokläufer.”
13. März 2009 um 02:53
Super geschriebener Bericht. Ich kann dir nur auf ganzer Linie recht geben. Hier wird wieder mal schnellst möglich nach einem Schuldigen gesucht. Und natürlich zwei Sachen zuerst: Killerspiele und weggelaufene Freundin. Nun, beides wohl nicht zutreffend. Schlimm das die Presse nur noch Nachahmer anfüttert!
16. März 2009 um 21:28
was kich aber auch schlimm finde: man redet von ” die pornobilder” auf sein pc. was soll das??? er war doch kein sexualdelikt, also das geht schon wieder in richtung : ehy wir schockieren mal. man nimmt alles was privat mit tim k. zu tun hat. ich will nicht sagen, dass er “normal” war. aber pornobilder auf pc haben….??? das ist doch kein delikt.
22. März 2009 um 19:13
Ja, finde den Bericht auch gut, aber ich finde, die Presse sollte mehr davor aufpassen, dass nicht nich mehr änhliche Sachen in Zukunft passieren.
30. Juni 2009 um 21:43
habe dazu glaub vor drei tagen eine doku gesehen. politiker in bayern haben sich der sache angenommen und mal selber diese ganzen spiele gespielt. lustig war als dann viele sagen, warum man so gegen solche spiele vorgehe. irgendwie fühlte sich keiner von den politikern dazu verführt einen amok zu begehen.
naja über irgendwas müssen die ja debatieren…
13. September 2009 um 18:57
Ich spiele auch ab und zu Counterstrike, ich konnte leider bis heute nicht feststellen, dass sich das irgendwie negativ auf mein Leben ausgewirkt haben könnte.
Find das ganze etwas übertrieben.
19. November 2009 um 19:09
Ich spiel nicht mehr Counterstrike, ab irgendeinem Zeitpunkt fällt einem auf, dass es eine echte Zeitverschwendung ist!
11. Januar 2010 um 04:47
Dass so ein einfacher kausaler Zusammenhang zwischen “Gewaltspielen” und Amoklaufen besteht, ist natürlich schwachsinnig bzw. maßloß übertrieben. Sicherlich wird es einem psychisch halbwegs gesunden Jugendlichen/jungem Erwachsenen mit einem “normalen” sozialen Leben außerhalb der Spielwelt nicht schaden, virtuell rumzuballern. Aber durch meine Mutter, die Grundschullehrerin in einem sozial benachteiligten Stadtteil ist, sehe ich auch die andere Seite: Wenn 7/8-jährige Kinder, die aufgrund familiärer Vernachlässigung/Probleme etc. sowieso schon offensichtliche psychische und intellektuelle Defizite haben, sich jeden Nachmittag treffen, um diese Spiele zu spielen (und das tun sie z.T. wirklich), kann es vielleicht wirklich das I-Tüpfelchen für emotionale Fehlentwicklungen sein. Vielleicht liegt es auch weniger an der “aktiven” Schädlichkeit der Spiele, sondern auch daran, dass diese positive Beschäftigungen/Erfahrungen/Spiele verhindern (die Kinder z.B. kaum noch draußen spielen und Brettspiele “uncool” finden). Und leider sind es gerade diese Kinder, die sich von diesen Spielen angezogen fühlen bzw. sie von ihren (unkritischen) Eltern bekommen. Hört sich vielleicht auch klischeemäßig an, ist aber leider deutlich zu beobachten, dass es die Kinder aus Familien sind, wo es schon Probleme mit Alkohol, Arbeitslosigkeit, Einschaltung des Jugendamts wg. Vernachlässigung oder Misshandlung und Missbrauch durch Stiefväter u.ä. gibt, wo auch die “Ballerspiele” bei Zweitklässlern unterm Tannenbaum liegen, was wohl unumstritten zu früh ist.
24. Januar 2010 um 01:51
Ich denke auch: Am Spiel an sich liegts nicht. Das alles hat doch seinen Ursprung: Und der liegt m. E. im Elternhaus. Wenn Kinder bei ihren Eltern keine Beschäftigung finden, suchen sie sich welche. Das zieht sich durch die Jugend - und keine Beschäftigung mit den Eltern haben heißt meist auch, nicht mit seinen Sorgen, Nöten und Freuden zu den Eltern kommen zu können. Daraus stauen sich Aggressionen & Hass an - und genau so entstehen solche schrecklichen Taten (also natürlich wesentlich komplexer, als ich in aller Kürze wiedergeben kann). Dein Beitrag zum Thema ist auf jeden Fall lesenswert. Schade, dass die Politik mal eben irgendeinen Schuldigen sucht, anstatt in den Familien anzusetzen …