Die Nachtruhe der Andrea Ypsilanti
Unverdrossen und souverän treibt Andrea Ypsilanti die Gestaltung eines Projekts voran welches zuvorderst ein Ziel hat: Die inhaltlichen Wahlversprechen der Hessen-SPD umzusetzen. Der vorläufige Höhepunkt dieses Vorgangs findet nun demnächst in Wiesbaden statt: Die Ypsi marschiert mit aufgeknöpftem Hemd und aufgemalten Fadenkreuz auf der Brust direkt in die Schußlinie etwaiger Heckenschützen. Dabei setzt diese Frau, unverdrossen vermöbelt von tendenziöser Elitenjournallie, patriachischen Männerbünden der SPD und neoliberalen Restbeständen, ihre gesamte Karriere aufs Spiel - für eine Partei die das meines Erachtens nach nicht verdient hat und ihr auch nicht danken wird. Meinen Senf dazu…
Es hätte alles so schön sein können. In einer Zeit in welcher die Bundes-SPD sich, arg gebeutelt durch Regierung Schröder und Große Koalition, inhaltlich neu aufstellt und die gesamtgesellschaftliche Debatte über vordringlichste Problematiken durch eigene Impulse bereichert, entthront Andrea Ypsilanti (SPD) mithilfe einer Konstellation von Parteien welche der Hessen-SPD nahestehende Inhalte im Wahlkampf vertreten haben, den rechten CDU-Hardliner Roland Koch. Künftig kann sie versuchen den Nachweis zu erbringen ob dieses runderneuerte ökologische und soziale Modell der Sozialdemokratie, sich in Regierungsverantwortung bewährt.
So lief es aber nicht und wir alle wissen was an dieser Darstellung nicht stattfand. Die Bundes-SPD, gefangen zwischen Erkenntnis der gesellschaftlichen Realitäten und dem Bedürfnis nach Machterhalt um seiner selbst willen, setzte keine Impulse. Stattdessen befand (und befindet!) sich diese Partei in einem scheinbar unentrinnbaren Gewirr unpolitischer Pseudodebatten und Nebelkerzen. Zwecks Profilierung wird stattdessen der Mindestlohn, zuvor gefordert von Grünen, PDL und Gewerkschaften, zum alleinselig machenden Heilmittel aufgeblasen und ansonsten herzlich über heiße Luft debattiert. Diese heiße Luft äußert sich derzeit in der völlig behämmerten Hoffnung, alleine die Reaktivierung von Müntefering und die Kanzlerkandidatur Steinmeiers, könne in irgendeiner Weise den alten ideenlosen Brei als lecker Süppchen verkaufen. Was, wie man in Bayern gesehen hat, nicht gelingt. Zur Zeit von Andrea Ypsilantis Wahlkampf war dies die Debatte über das Verhältnis der SPD zu ihrem hausgemachten Ableger, der PDL. Befeuert von einem stichelnden Rotsockenkampagne fahrenden Roland Koch. Dankbar nahmen die solidarischen Genossen im Willy-Brandt-Haus diesen Faden Kochs auf.
Andrea Ypsilanti ist nicht zur Wahl angetreten um nicht mit der PDL zu regieren, sie trat an um ihr Wahlprogramm umzusetzen, um einen Machtwechsel in Hessen herbeizuführen. Den einzigen Fehler den sie dabei beging war den Begehrlichkeiten der Bundes-SPD zumindest temporär und verbal nachzugeben. Begehrlichkeiten entstanden aus der schon fast sprichwörtlichen sozialdemokratischen Selbstüberschätzung, dem Gedanken, die PDL kleinhalten zu können.
Nun, nach der Wahl: Ypsi prüft die Koalitionsoptionen. Bekommt sogar das Okay vom mittlerweile auch geschassten Beckschen Krümelmonster mit der PDL zu verhandeln. Es geht immer noch um Inhalte. Die FDP schlägt die Tür zu. Die FDP hält zu jenem Koch der gerade erst höchst unliberale Kampagnen gegenüber diverse Bevölkerungsgruppen gefahren hat. Ypsi beginnt in ihre Pläne die PDL einzubeziehen.
Was diese Frau seit jenem Zeitpunkt ertragen musste wünsche ich keinem Politiker. Kaputtgeschrieben von Welt, SPIEGEL und ähnlichen Blättern, im Stich gelassen von der eigenen Bundespartei, von den “Führungsfiguren” der SPD… . “Wahlbetrug! Wortbruch!” Eine völlig unverhältnismäßige Krakeelerei entsteht in der Bundesrepublik. Dasselbe Land in dem die eigennützigen Spendenaffären der CDU, die Merkelsteuerlüge der SPD (0% statt 2%, im Ergebnis 3%) oder die Lüge des SPIEGELs untendenziöse Schreibe anzubieten längst weggesteckt werden, wird eine Frau die versucht ihre politischen Inhalte, ihre sachbezogenen Wahlversprechen einzulösen, durchaus auf Kosten des Makels einen Lapsus bzgl. der PDL begangen zu haben, zu einer Personen judasähnlicher Machtgeilheit hochstilisiert. Es fehlten nur noch die Hyänen um am gefallenen Kadaver herumzunagen.
Aber Ypsi ist nicht gefallen, Ypsi steht und nimmt souverän und ruhig Kurs auf das was sie den Hessen versprochen hat - eine andere Politik als jene Roland Kochs in Hessen zu gestalten. Und nachdem man die Erfahrung machen musste das Herr Koch als geschäftsführender Ministerpräsident eben leider nicht bereit ist unparteilich für sein Land zu arbeiten, muß nun zwangsläufig Ypsis neuer Anlauf zur Ministerpräsidentenwahl her. Eines ist klar: verliert Ypsilanti diese Wahl ist sie erledigt. Politisch und für immer. Stigmatisiert und gescheitert. Und trotzdem geht sie die Sache an. Wieder ruhig. Wieder souverän. Was wäre das in den nächsten Jahren ein Pfund für die SPD - eine neue SPD-Ministerpräsidentin, natürlich vorausgesetzt die Regierung in Hessen geht nicht völlig unter. Ein Erfolg für die gegenwärtig chronisch erfolglose Partei. Ein wirkliches Aufbruchssignal.
Und es spricht für die Identifikation dieser Frau mit ihrer Partei dass sie dieses Wagnis auf sich nimmt. Die Probeabstimmungen hat sie nun gewonnen. Aber jeder weiß, die richtige Gelegenheit für einen Ypsilantikiller kommt erst im hessischen Landtag. Der Politikstil einer Andrea Ypsilanti, inhaltlich orientiert, sozial und souverän, ist eine Gefahr für die alten Männerbünde der SPD. Er ist auch eine Gefahr für das Standing der mittlerweile schön in den Apparat integrierten SPD Linken wie Nahles oder Böhning. Es gibt sehr viele SPD-Leute welchen es nutzen würde wenn diese Frau in der politischen Versenkung verschwindet. Deswegen bedeuten die Vorwahlen erst einmal nichts. Wer kann schon endgültig ausschließen dass es neben der immerhin ehrlichen Dagmar Metzger eine weitere Gegenstimme gibt, ein Charakterschwein ungeahnten Ausmaßes, jemand bei dem sich einem der Magen dermaßen umdreht dass man nur noch auf sein Grab pinkeln möchte…. jemand der die Ypsi in der Probewahl mit Zustimmung Richtung Antritt im Landtag lockt um sie dort endgültig abzuschießen? Keiner kann das ausschließen. Fragt mal die Simonis.
Das die Ypsi es trotzdem angeht spricht für ihren Glauben an ihre Partei, es spricht ganz im Gegensatz zum Wortbruchgekreische für ihren Glauben an ein gewisses Maß Anstand in der Politik und es spricht für ihren Sinn für das größere Ganze. An dem Tag an dem sich Andrea Ypsilanti im hessischen Landtag zur Wahl stellt ist es für die Bewertung ihrer Person völlig irrelevant ob sie Ministerpräsidentin wird oder nicht. Eine SPD die sie durchrasseln lässt (Grüne und PDL darf man da getrost ausschließen) wird sich künftig Judas-SPD schimpfen lassen müssen.
Für Andrea Ypsilanti gilt hingegen dann das Zitat welches Commissioner Gordons Nachfolgerin in “Die Rückkehr des Dunklen Ritters” äußert als sie befiehlt den (in dem Comic über 50 jahre alten) Batman nicht festnehmen zu lassen.
“Er ist zu… groß”.
Ob Andrea Ypsilanti zu groß ist für diese SPD wird die Abstimmung zeigen. Bis dahin hoffen wir mal das sie schlafen kann.


30. September 2008 um 20:08
[…] schreibt über Andrea Ypsilanti 30 09 2008 Der eine Dennis aus Gelsenkirchen hat einen sehr Lesenswerten Beitrag über die mittlerweile zur Personifizierung der Verlogenheit in der Politik abgestempelten Andrea […]
3. November 2008 um 16:41
[…] Ich hab es ja geahnt, auch wenn nun der Dolchstoß nicht während der Wahl kommt sondern öffentlich kurz zuvor. Die Krönung ist es natürlich wenn eine Abgeordnete wie Silke Tesch sich noch in vorgeblicher Ehrlichkeit vor die Brust schlägt und meint eine geheime negative Abstimmung sei für sie nie in Frage gekommen. Wozu auch wenn man Ypsilanti auch mit so einer Aktion politisch erledigen kann? Spart man sich eben den Verlust hochvergüteter Freizeit bei verzweifelten Abstimmungsdurchläufen a`la Simonis. […]
16. Januar 2009 um 14:40
[…] wenn man auf SPD-Ticket Landtagsdiäten kassiert. Und das dies alles auch noch als Folge der völlig behämmerten Rumeierei der Bundes-SPD mit freundlicher Unterstützung der Energielobby passiert, das schlägt dem Fass den Boden […]
21. April 2009 um 13:35
[…] wird ist generell zu hinterfragen. Zweifellos setzt sich hier die Strategie fort welche ich schon andernorts im Zusammenhang mit der gemobbten Andrea Ypsilanti diagnostiziert habe. Die Partei SPD konnte […]