Schwarz-Rot-Gold: Ich stand Todesängste aus!
Eigentlich wollte ich zu dem Thema ja nix schreiben. Da nähert sich also ein Sommerloch, die rechte Postille „Junge Freiheit“ liefert die Vorlage, BILD greift diese gierig auf und fertig. Doch es häufen sich die Äußerungen in den Kommentarfunktionen deutscher Tageszeitungen. „Abnorm“ und „abartig“ sind noch die freundlichsten Äußerungen mit denen bundesdeutsche Durchschnittsbürger die grünjugendlichen Pinkelsimulanten titulieren - Und bedienen sich dabei in schönster Weise wieder dem Wortschatz des dritten Reiches. Auch die GRÜNEN selbst reagieren höchst unglücklich. Da wird von verantwortlichen Stellen anstelle die Jugendlichen vor der Hetzkampagne zu schützen lieber auf die Situation willig eingegangen, es wird sich eiligst „distanziert“ und aus der Bundespartei wird „massive Verärgerung“ kommuniziert.
Also habe ich mich mit dem Opfer der Pinkelsimulantenaktion zusammengesetzt, der tatsächlich Betroffenen, der deutschen Fahne nämlich. Hier bezieht Schwarz Rot Gold Stellung!
Dennis-Blog: Liebes SchwarzRotGold, schönen guten Tag erst mal. Wie geht es dir aktuell nach den dir wiederfahrenen Ereignissen?
SchwarzRotGold: Ich brauche wohl noch etwas Zeit um die letzten Tage zu verarbeiten. Am Anfang war ich noch völlig verwirrt und verängstigt, jedes Geräusch hat mich aufgeschreckt, das legt sich derzeit wieder ein bisschen.
Dennis-Blog: Ich habe größtes Verständnis für deine Verunsicherung. Könntest du vielleicht in eigenen Worten schildern was geschehen ist?
SchwarzRotGold: Also ich bin nichtsahnend zum Bundeskongress der Grünen Jugend gefahren, weil dieser Bundeskongress mich persönlich natürlich sehr interessiert hat. Als Nationalfahne muss ich mich natürlich auch dem Nachwuchs bundesrepublikanischer Parteien widmen.
Dennis-Blog: Wie läuft so was ab? Musst Du dich in solchen Fällen anmelden oder akkreditieren?
SchwarzRotGold: Nein, ich mache das ganz unbürokratisch. Lasse mich da von jemand Beliebigem mitnehmen und so weiter. Manchmal muss ich außerhalb des Autos mitfahren, das mag ich gar nicht, aber diese Reise verlief angenehm.
Dennis-Blog: Verzeih die Zwischenfrage. Was ist dann passiert auf diesem Bundeskongress?
SchwarzRotGold: Alles geschah aus heiterem Himmel. Ich hatte niemandem was getan, gelegentlich wurde mit mir spaßeshalber gewedelt, was mich sehr freute. Der Kontakt zur Jugend ist mir halt sehr wichtig. Aber dann…
Dennis-Blog: Aber dann?
(An dieser Stelle musste das Gespräch einige Minuten unterbrochen werden weil die Fahne von den Erinnerungen überkommen wird)
SchwarzRotGold: Plötzlich wurde ich brutal zu Boden geschleudert. Völlig hilflos lag ich auf dem kalten Stein. Die Täter standen in einem Halbkreis um mich herum, sie kamen mir so furchtbar groß, ich selber mir so furchtbar hilflos vor. Sie lächelten hämisch. Einen von denen hatte ich zuvor Rauchen gesehen, ich dachte an sein Feuerzeug und stand Todesängste aus!
Dennis-Blog: Kam denn niemand zu Hilfe?
SchwarzRotGold: Nein, alle gafften aber niemand kam zu Hilfe. Es hätte mir sonst was passieren können, die Täter hatten ja nicht nur Feuer sondern auch Schuhe und ähnliches. Aber niemand machte anstalten mir zu helfen. Diesen emotionalen Zustand in dem ich mich befand kann wohl niemand nachvollziehen der derartiges noch nicht selbst erlebt hat. Aber das wünsche ich keinem, selbst meinem ärgsten Feind nicht.
Dennis-Blog: Schließlich fand das Ereignis statt über das soviel diskutiert wird…
SchwarzRotGold: Ja, einer der Täter öffnete seine Hose und stand nur in Unterwäsche vor mir. Sie deuteten an auf mich zu urinieren. Ich fühlte mich in diesem Moment so schmutzig, so besudelt und missbraucht!
Dennis-Blog: Es gibt den Deutungsversuch dass dieser Akt nur stellvertretend angedeutet wurde um Verachtung für den in deinen Farben derzeit wieder aufkommenden, ausländerfeindlichen Nationalismus zu demonstrieren.
SchwarzRotGold: Aber ich bin doch die Fahne der bundesdeutschen freiheitlichen Demokratie! Wer auf mich pinkelt oder Pinkeln andeutet, pinkelt auf unsere Freiheit und nationale Identität! Ich kann doch nicht stellvertretend mit anderen Vorgängen symbolisch in Verbindung gebracht werden!
Dennis-Blog: Entschuldige, aber das stimmt so nicht. Bedeutungen, auch in Bezug auf dich liebes SchwarzRotGold können sich ändern. Denk doch mal an 1959.
SchwarzRotGold: Hilf mir mal auf die Sprünge…?
Dennis-Blog: Nun du bist ja faktisch aus heraldischer Sicht ein SchwarzRotGelb, die Bundesregierung stellt in ihrem Corporate Design den goldenen Streifen durch die Farbe „rapsgelb“ dar. Trotzdem wurde es 1959 durch den Bundesgerichtshof verboten dich als ebenso zu titulieren weil?
SchwarzRotGold: Ach ja, wegen Goebbels und dem Nazidreckspack! Wird auf wikipedia gut erklärt!
Dennis-Blog: Nun ja, dann verlinken wir den Artikel doch mal. Aber was ich damit sagen will, es ist also höchstrichterlich erwiesen dass mit dir nachträglich andere Bedeutungen assoziiert werden können. In diesem Fall den aufkommenden Rechtsruck in unserer Gesellschaft der sich vordergründig durch Herumstolzieren in Nationalfarben zeigt und mit Ausländerhetze am Küchentisch im Hintergrund stattfindet. Kann man ja täglich beispielsweise im WAZ-Forum nachlesen.
SchwarzRotGold: Aus diesem Gesichtspunkt habe ich das noch gar nicht betrachtet. Nun ja. Das wird mir vielleicht helfen diese Geschichte zu verarbeiten sobald ich die Erinnerungen an das Geschehen und die damit verbundenen Panikattacken überwunden habe.
Dennis-Blog: Das wünsche ich dir sehr SchwarzRotGold. Danke für dieses Gespräch.
Dieses Gespräch, insbesondere der Schilderungsteil durch die “Fahne” wurde in dieser Form geschrieben weil keine brutale Vergewaltigung oder sexueller Mißbrauch die Bundesbürger medial in einen solchen wütenden Wahn versetzen kann, wie er jetzt wegen der Pinkelandeutung auf schwarz-rot-gold stattfindet.
Vielleicht denkt da endlich mal jemand drüber nach.


6. Juni 2008 um 14:23
Ein lustiger Artikel. Echt. xDD

Also, kreativ biste ja.
Davon abgesehen ob nun Wasser gelaufen ist oder nicht, ist es es generell ein Unding. Die Verhöhnung/ Zerstörung von Fahnen ist immer ein Akt der Beleidigung welcher Wut hervorruft und auch irgendwie arm, da generell ein ganzes Volk “angegriffen” wird. Und wenn Nachwuchs-Hippies davon noch Phtos machen und diese veröffentlich werden, ist es ja wohl kein Wunder, dass eien Stammtisch-Postille wie die Bild so etwas freudig aufnimmt. Ich mein, es ist doch auch irgendwie dämlich. Als Protest gegen aufkommenden Nationalismus/Rassismus etc. blabla pinkelt man auf die Fahne des Staates, welcher demokratisch ist und sich in seinem Grundgesetz von so was distanziert?? Da habt ihr ein Eigentor geschossen…passend zur EM.^^
Und die Ursachen zu erwähnen, warum es Nationalismus etc. gibt, wäre auch mal vernünftig.
6. Juni 2008 um 14:36
Du wolltest einen Artikel, du bekamst einen. ich kann ja sogar verstehen wenn es Menschen die sich beleidigt fühlen: Schwarz Rot Gold gilt manchen Geistern eben bedauerlicherweise immer noch als Identitätssymbol.
Politisch ist es sicher irgendwie dämlich.
Die grüne Jugend hätte vielleicht mit einer Erklärung den gesamten buKo zum Pinkelstellen aufstellen sollen, dann wäre es eine kontroverse Aktion gewesen deren Message aber klar definiert wäre.
Ansonsten ist der Bezug von SchwarzRotGold und Nationalismus doch durchaus gegeben. Die Menschen in der BRD leben in Unsicherheit, Nationalismus und Rassismus gegenüber Ausländern aber auch anderen “Andreren” kommt auf: Die klassische Brunnenvergiftertradition.
Dies ist alles derzeit von SchwarzRotGold angemalt und dementsprechend ist die fahne auch der richtige “Ansprechpartner”. Schwarz Rot Gold hat für mich derzeit jedenfalls nicht unbedingt den ersten Bezug zur BRD sondern eher zu Deutschland und Deutschtümelei.
Sangen doch schon die Onkelz in ihren rechtsextremen Zeiten:
“Deutsche Frauen, deutsches Bier - SchwarzRotGold ich steht zu dir”
6. Juni 2008 um 14:51
Sorry, aber ich fand die Aktion auch dämlich, genauso dämlich, wie das dann noch ins Internet zu stellen. Ich finde es im übrigen anmassend wenn man Menschen vorschreibt, welche Identifikationssymbole sie haben sollen.
Die Trennung die du zwischen BRD und Deutschland hast, habe ich beispielsweise nicht. Und - auch wenn es bei einigen in der Grünen Jugend verpönt ist - ich sehe mich auch als “Deutscher”. Zusätzlich zu meinen vielen anderen Identitäten als Europäer, Grüner, UN-Unterstützer, Ameisenhalter, was weiss ich sonst noch. Das ist auch alles kein Problem, solange man nicht eine Identität über alle anderen stellt.
Von daher finde ich es auch richtig, dass die Grüne Jugend sich von dem Vorfall distanziert hat.
6. Juni 2008 um 15:02
Es ist dein gutes Recht das dämlich zu finden, da brauchst du dich nicht entschuldigen PatJe. Ich sag ja auch, politisch war das höchst dämlich.
Ansonsten zu den zwei Sachpunkten:
Anmaßend? Meine Identität und Selbstachtung kommt aus meiner Betrachtung meiner Selbst und meinem Bezug zu meinem Umfeld. Es ist nicht anmaßend festzustellen das dies anderen Menschen leider nicht gelingt.
Die Trennung die “ich” zwischen Deutschland und der BRD habe ist einleuchtend aus der Tradition der politischen Linken ableitbar. Deutschland stand historisch (und auch in der Assoziation der politischen Rechten) für das “1000jährige Reich”, für das revisionistische “Großdeutschland” und in den Köpfen der Bürger steht Deutschland auch nicht für Demokratie und Freiheit und Blablabla, sondern für das diffuse Deutschsein (welches eben “Andersein” explizit als undeutsch ausschließt).
Die Bundesrepublik Deutschland BRD steht für einen demokratischen, freiheitlichen und sozialen Staat (in der ursprünglichen Absicht).
Und genau deswegen schreiben nazis auf ihre T-Shirts “Nein Gerald, du bist nicht Deutschland, du bist BRD”.
Und diese Trennung hast du in diesem Spektrum durchaus auch, da bin ich mir ziemlich sicher.
=)
P.S.: Womit ich mal so nebenbei auch endlich mal die Bedeutung der Parolen “Deutschland muß sterben” und “Nienienie wieder Deutschland” erklärt hätte.
6. Juni 2008 um 15:07
Womit ich nicht sage, dass ich diese Parolen mitgröhle - im Gegenteil. Ich teile diese Ansicht eben nicht. Für mich gehört Gerald nicht nur zur BRD, sondern auch zu Deutschland. Ich bin in Deutschland geboren - nicht im 1000-jährigen Reich - und mein Deutschland ist demokratisch. Dementsprechend steht die schwarz-rot-goldene Fahne für mich auch für dieses demokratische Deutschland - wie sicherlich für viele andere auch.
Und natürlich ziehe ich meine Identität auch aus meinem Umfeld, aus der Sozialisation, etc.. Der Versuch jedoch “Deutschsein” kategorisch abzulehnen schaden der Linken eher, als er dem Thema - nämlich verhinderung eines Nationalismus - dienlich ist.
So und jetzt bin ich weg - am Wochenende für die internationale Solidarität im Finanzsystem käämpfen
6. Juni 2008 um 15:08
Update: Ich finde es übrigens definitv nicht richtig wie die GJ sich verhält, ganz sicher nicht. Die hätte sich entschuldigen sollen dafür das sie den blödsinn online gestellt hat, zu dem Rest hätte ich keinen Kommentar abgegeben.
Man muß sich schon vor seine Leute stellen und sie nicht zum Abschuß freigeben. Schon fangen in Julias Blogkommentaren z.B. ein paar Jungrealos an ihnen unliebsame Junggrüne mithilfe diesem von rechtsaußen kommenden thematischen Aufschlags wegzubeißen.
Merke auf, es ist mittlerweile im realpolitischen Flügel nicht einmal mehr verpönt sich solcher Instrumente zu bedienen.
Ich persönlich merke mir jedenfalls jetzt ganz genau wer sich “da oben” jetzt wie verhält.
6. Juni 2008 um 15:12
@PatJe
Du hast deine Definition von Deutschland abgegeben und ich habe zuvor schon deutlich gemacht das diese nciht gemeint ist.
Desweiteren bezweifle ich stark das es viele Menschen in der BRD gibt, die deine Definition von Deutschland haben und die Zugleich dieses Urinalvergehen wirklich ernstnehmen.
Es bringt schon die Richtigen auf die Palme.
Desweiteren gibt es, zumindest in unserer Linken, keine Bestrebung “Deutschsein” wie du es beschreibst abzulehnen. Da hast du was nicht mitbekommen.
6. Juni 2008 um 16:14
Klasse Satireartikel aus der “Welt”
http://www.welt.de/satire/article2073378/Junge_Gruene_pinkeln_auf_Deutschlandfahne.html
7. Juni 2008 um 13:15
“und in den Köpfen der Bürger steht Deutschland auch nicht für Demokratie und Freiheit und Blablabla, sondern für das diffuse Deutschsein (welches eben “Andersein” explizit als undeutsch ausschließt)”
Das ist sehr schön gesagt!
7. Juni 2008 um 22:14
[…] Das spielt auch nicht wirklich eine Rolle, solang das Kleinbürgertum und die rechte Presse einen Grund finden, sich mal wieder richtig schön aufzuregen. Leider spielt die Fahne selbst dem, mit ihrer vorgeschobenen Traumatisierung, noch in die Hände. […]
8. Juni 2008 um 05:19
[…] dem Vernehmen nach bei der WM2006 getan haben. Damit ist zur aktuellen Fahnenfrage auch schon fast genug gesagt, auch wenn man über Verfassungspatriotismus diskutieren könnte - und darüber ob es […]